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Vom Zukunftsort zur Zukunftsregion

Stadt-und Regionalentwickler Oskar Januschke hält ein flammendes Plädoyer für die regionale Kooperation. Die Zusammenarbeit der Gemeinden biete nicht nur finanzielle Anreize und die Steigerung der Lebensqualität. Sie banne auch eine drohende Gefahr. Die Zukunftsorte könnten dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Eine Gemeinde kann viel bewegen. Mehrere Gemeinden zusammen können noch viel mehr bewegen. Das ist das Credo von Oskar Januschke, einem der bekanntesten und erfahrensten Stadt- und Regionalentwickler Österreichs. Was ihm an den kommunalen Strukturen hierzulande am meisten stört: „Wir entwickeln unsere Räume nicht so, wie die Bürgerinnen und Bürger leben. Wir denken alle viel zu territorial.“ Deshalb wird der Lienzer nicht müde, den Gemeinden einen entscheiden Schritt ans Herz zu legen: Kooperiert miteinander! Sei es in der Altenpflege, im Öffentlichen Nahverkehr, in der Bildung, bei Betriebsansiedelungen, im Freizeit- oder Kulturbereich, in der Digitalisierung sowie bei der Siedlungsentwicklung und im Landschaftsschutz. „Es geht darum, die Ziele und Zukunftsvorstellungen der Gemeinden auf regionale Schwerpunkte, eine künftige gemeinsame Positionierung als attraktiver Wirtschafts- und Lebensraum zu bündeln“, betont Januschke. Damit würden „weitere Kräfte der Regionsgestalterinnen und -gestalter verwebt sowie Synergien nutzbar gemacht“. Es entstünde ein gemeinsames Zukunftsbild: „Dieses gibt Planungssicherheit, motiviert zur Beteiligung und wird so zum Leitstrahl für die Akteurinnen und Akteure in der Region.“

Seien es interkommunale Freizeiteinrichtungen wie etwa das (eine) Hallenbad, das man gemeinsam betreibt, anstatt an zwei oder drei Standorten stets am finanziellen Abgrund zu balancieren. „Die Frage ist ja: Wie kann ich meinen Bürgerinnen und Bürgern etwas bieten, wenn ich es mir nicht leisten kann?“, gibt Regionalentwickler Oskar Januschke zu bedenken. „Interkommunalität sollte an erster Stelle stehen.“ Dementsprechend begeistert zeigt er sich über Projekte, die es bereits seit Jahren gibt und die sich bewährt haben. Etwa jenes im Rheinthal in Vorarlberg. Dort haben sich 13 Gemeinden zur Region Vorderland zusammengeschlossen – von der 33.000-Einwohner-Stadt Feldkirch bis hin zu Viktorsberg mit 400 Einwohnern. Diese Kommunen kooperieren mittlerweile auf zahlreichen Ebenen. Sie betreiben gemeinsam ein Altstoffsammelzentrum, haben die Baurechtsverwaltung zusammengelegt, betreiben Bad und Skilifte gemeinsam, haben ein Radrouten- und Wanderwegekonzept ausgearbeitet und umgesetzt, organisieren Kinderbetreuung, Busverbindungen. „Das ist ein unglaubliches Vorbild. Die machen sogar gemeinsame Integrations- und Klimaschutzpolitik“, schwärmt Januschke. Was entscheidend hinzukommt: Man positioniert sich als attraktive, dynamische Region, als Zukunftsgemeinschaft. Der Regionalentwickler kann aber auch über eine Erfolgsgeschichte aus seiner Heimat berichten. Dort wurde der Breitbandausbau vorangetrieben. 15 Gemeinden inklusive Lienz zogen als Zukunftsraum Lienzer Talboden an einem Strang: „Heute gehört das Netz den Gemeinden der Region. Allein hätte das kein Bürgermeister hinbekommen.“ Januschke hat auch bei der Entwicklung des „Wirt 4.0“ seine Finger im Spiel. Kurz zusammengefasst: Aus einem von der Schließung bedrohten (oder bereits geschlossenen) Gasthaus wird ein digitaler Arbeits- und Lernort mit Gastrobetrieb. Ziel: Kosten senken, Ressourcen schonen. Und das Ortsbild beleben.

Für all das könnten Österreichs 15 Zukunftsorte der „Treiber“ sein, ist Januschke überzeugt. Sie mögen vorangehen und Nachbargemeinden „mitreißen“. Dabei sei geographische Nähe für regionale Kooperation gar nicht einmal Grundvoraussetzung. „Es kann auch eine Gemeinde aus Tirol mit einer aus dem Burgenland auf bestimmten strategischen Ebenen zusammenarbeiten. Zum Beispiel beim Wissens- und Erfahrungsaustausch in der Wirtschaft.“ Gemeinsame Seniorenbetreuung wird hingegen nicht möglich sein. Dazu braucht es eine Kleinregion – mit Akteurinnen und Akteuren, die Kooperation nicht nur wollen, sondern auch können. Traditionelle Animositäten haben für Oskar Januschke jedoch nur untergeordnete Bedeutung: „Wenn der Bürgermeister aus der Gemeinde A mit jenem aus der Gemeinde B nicht kann, dann geht’s ja vielleicht mit dem aus der Gemeinde C. Und wenn das funktioniert, wird es nicht lange dauern, bis auch die Gemeinde B mit von der Partie ist. Wichtig ist bei allen Kooperationen das faire Interesse, einen Lasten- und Ertragsausgleich zwischen den Gemeinden zu finden.“ Im Endeffekt gebe es zur Zukunftsregion nur eine Alternative – und die sei nicht wünschenswert: die harte Fusionierung von Kommunen. Dänemark habe bereits 2007 flächendeckend die Zusammenlegung von Ländern und Gemeinden umgesetzt. „Dort gibt es keine Gemeinde mehr unter 30.000 Einwohnern“, sagt Januschke. „Das Burgenland etwa wäre schon längst aufgeteilt.“ Aus wirtschaftlicher Sicht möglicherweise ein Vorteil, Synergieeffekte können genützt, Fehlinvestitionen vermieden, Strukturen im großen Stil harmonisiert werden. „Ja, schon. Nur parallel dazu verlieren die Bürgerinnen und Bürger die Identifikation mit ihrer ehemaligen Gemeinde, es gibt weniger Ehrenamt, das Vereinswesen leidet darunter“, warnt der Regionalentwickler. Darum bleibt Oskar Januschke weiterhin ein glühender Verfechter der kooperierenden Region, wie groß sie auch immer sein mag. Die gemeinsame Bezeichnung möge stolz wie eine Marke, wie ein Gütesiegel getragen werden – und dennoch behalten die beteiligten Gemeinden ihre ganz eigene Identität.

Bezüglich der Umsetzung empfiehlt der Regionalentwickler, dass Gemeinden „zur Vertiefung und strategischen Ausrichtung der Zusammenarbeit als kooperierende Region einen sogenannten IREP als Instrumentarium einsetzen“. Hinter diesem Kürzel steckt der Begriff „integrierter Regionalentwicklungsprozess“. Er ist laut Januschke so zu verstehen, dass von regionaler Ebene der Gemeinden aus diesen Prozess unter Einbindung der Bürger:innen, den Stakeholdern der Region sowie der Politik und Verwaltung zu steuern. In diesem Prozess definieren die Gemeinden die Zukunftsziele, formulieren eine regionale Zukunftsstrategie. Diese kann eine Vielzahl an Themenbereichen erfassen wie etwa Mobilität, Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung, Bildung, Soziales und Ökologie. Hinzu kommt die Definition einer „regionalen Governance“. Dabei handelt es sich um jene Struktur, die festlegt, wie die Gemeinden künftig mit formellen und informellen Steuerungsinstrumenten als Region zusammenarbeiten wollen. „Zum Beispiel in Form von Regionskonferenzen, an denen alle Bürgermeister und Gemeinderäte der Region teilnehmen“, erklärt Januschke. „Oder sogenannte Zukunftsforen mit der Einbindung aller Beteiligten zu den Themen Kinderbetreuung, Willkommenskultur, interkommunale Betriebsgebiete, digitale Daseinsvorsorge und vieles mehr.“ So wird die Zusammenarbeitsstruktur festgelegt und eine Kooperationskultur formalisiert. „Die Regionen tun damit das, zu dem sie die EU unter dem Leitsatz Local based Development einlädt. Sie gestalten selbstbestimmt in einem IREP-Prozess ein regionales Zielsystem, definieren Maßnahmen zur Verfolgung dieser Ziele und legen in der Governance-Struktur die Form der Zusammenarbeit als kooperierende Region fest.“

Foto: Martin Lugger

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